Der Künstler aus dem Dunkel: Sergej Abel hat die Musik nicht berühmt gemacht – aber glücklich

Der Musiker Sergej Abel weiß bis heute nichts über seine Herkunft. Sein Zuhause hat er dafür schon früh gefunden: Er lebt in der Welt der Musik, auch wenn er für eine große Karriere zu bescheiden ist.

Sergej Abel mit einer Schülerin, seiner Kollegin und vielen Domras. / Foto: privat

Seine mit 48 Jahren schon fast schlohweiße Haarpracht weht Sergej Abel ungeordnet ins und ums Gesicht. Ein Charakterkopf. Erinnert irgendwie stark an Karl Marx. Ist er nicht vielleicht auch ein Deutscher? Mit dem russischen Vornamen Sergej eher nicht. Mit dem Familiennamen Abel aber wahrscheinlich doch. Genaues weiß man nicht. Weder er selbst noch irgendjemand. In hebräischer Schrift liest sich Abel gleich „Heveil“. Und das bedeutet, so erklärt er, so viel wie „Dunstschleier“. Symbolträchtiger für seine nebulöse Herkunft könnte der Name kaum sein. Nur so viel verrät die Beschneidung seines männlichen Körperteils: Er stammt aus einem jüdisch-religiösen Umfeld. Eine Glaubensrichtung, die er für sich annimmt, aber nicht wirklich lebt.

Den Schleier über seine Vergangenheit will er auch gar nicht mehr gelüftet wissen. Nur seine „zweite Geburt“ zählt für ihn. Die, als ein gewisser Nikolai Jordanskij ihn an Vaters Statt aufnahm. Ein Professor der Chemie an der Moskauer Lomonossow-Universität. Der war damals schon Anfang 80, Witwer, kinderlos. Wie er zu dem erst zweijährigen Sergej kam, bleibt wohl für immer im Dunkeln des Vergessens. Der Ziehvater nahm das Geheimnis 1987 mit ins Grab, als er mit 103 Jahren verstarb.

Zuhause in der Musikschule

Der Professor war die einzige Bezugsperson des Heranwachsenden. Er war ein „Schutzengel von unendlicher Güte“, dem er blind vertraute, wie er noch heute dankbar betont. Er hatte ihm klargemacht, dass so manches zu jenen Sowjetzeiten seiner Kindheit besser unerforscht bleiben sollte. So ist sich Sergej bis heute selbst ein Rätsel. Wo hat ihn der treu sorgende Professor überhaupt aufgelesen? Wo ist er zur Welt gekommen? Und wo liegen seine Wurzeln?

Zu Hause ist er schon lange Zeit in „seiner“ Schule. An der städtischen „Jorgenson Musikschule“ gilt Sergej unter den 700 Eleven von fünf bis 18 und ihren Lehrern als beliebter, unbestrittener Maestro. Sieben Tage die Woche, von früh bis spät. Und das für ein mageres russisches Lehrergehalt. Passt schon, er tut es ja für die Musik. „Musik kommt aus meinem Inneren, Musik ist die Sprache der Welt, ich muss einfach Musik machen, für meine Seele“, schwärmt er. Diese Begeisterung hat sein Ziehvater ihm schon früh eingeimpft.

Alles außer Poptöne

Jordanskij beherrschte das Violoncello- und Klavierspiel. Und Sergej verschlang schon mit acht Jahren die „Instrumenten-Enzyklopädie“, ein Standardwerk. So dirigierte der Professor Sergej zielsicher zur Komponisten-Ausbildung ans Moskauer Konservatorium, ein weltberühmter Tempel der klassischen Musik.

In seinem Klassenraum hängen ihm gewidmete Kinderzeichnungen und historische Fotos aus dem langen Schulleben. Vom Klavier schauen aus Dankbarkeit geschenkte Plüschtiere auf die Tasten, wenn er hingebungsvoll und virtuos, frei und ohne Noten alles intoniert, was er „schöne Musik“ nennt: Klassik und Volksmusik, alles außer Poptöne, die hasst er förmlich.

Hier entstehen auch seine Kompositionen, vornehmlich Jazz, insbesondere Swing. Jazz habe ihn immer gereizt – „allein schon deshalb, weil er in der UdSSR verpönt und verboten war“. Er liebe die Energie, die in dieser Musik stecke.

Science-Fiction statt Telefon

Unter allen Instrumenten, die hier erklingen, ist sein Liebling die altrussische Domra. Rund zwei Dutzend hängen davon an einer Wand. Ein Saiteninstrument, dessen Ursprünge im 13. Jahrhundert in der Volksmusik der Tartaren liegen, das aber erst vor etwa 120 Jahren wiederentdeckt wurde. Seine Klänge ähneln in dreisaitiger Version denen einer Balalaika, viersaitig denen einer Mandoline, Laute oder auch eines amerikanischen Banjos. Sergej hat den künstlerischen Ehrgeiz, die Bedeutung der Domra wiederzubeleben.

Er ist ein Eigenbrötler, der seine Freizeit außerhalb des wuseligen Schulalltags eher mit und in sich selbst verbringt. Geheiratet hat er zwar mal, aber der Alltag in einer Partnerschaft war nicht das Seine. Er lebt in seiner eigenen Welt, erfüllt von Musizieren und Komponieren, von Lesen und Schreiben. 20 Werke hat er schon zu Papier gebracht, zu Themen aus einer weiteren Parallelwelt – Science-Fiction  und Märchen. Ein eigenes Telefon brauche er nicht, aber immerhin habe er sich jüngst zu einer E-Mail-Adresse durchgerungen.

Sparen für Tickets nach Bangkok

Sein Wirken hätte eindeutig mehr Anerkennung verdient. Aber sein Können in der kommerziell orientierten Musikbranche erfolgreich zu vermarkten, das kann er einfach nicht – bescheiden, schüchtern und allein an der Kunst orientiert wie er ist. Ein Teil seiner Werke wurde in kleinem Rahmen unentgeltlich aufgeführt, bei Schulkonzerten und Festivals. Aber auch in Buenos Aires und in Paris, wo gleichgesinnte Musikenthusiasten aus seiner Studienzeit wirken.

Er selbst war nicht dabei, allein die Reisekosten hätten sein Budget überstiegen. Nur einmal führte sein Schaffen ihn bis ins ferne Bangkok. Seitdem zieht es ihn, wann immer das Geld fürs Flugticket angespart ist, zurück. Nicht wegen Sonne, Sand und Meer – und ausnahmsweise auch nicht wegen der Musik. Inzwischen war er neu Mal dort, weil ihn die positive, buddhistisch geprägte Einstellung und die Gelassenheit der Menschen faszinieren. Irgendwie passt er da auch gut hin. Schon seine tiefbraunen Augen hören nie auf zu lächeln. Und das setzt sich in seiner gesamten, freundlich-offenen Mimik fort.

Abschied in buddhistischer Manier

Sergej Abel mag ein zwar begnadeter, aber wenig bekannter Komponist bleiben – und „nur“ ein leidenschaftlicher Musiklehrer: „Die Kinder sollen durch Musik lernen, wie schön die Welt ist.“ Er ist einer, der es nach so manchen  Wertvorstellungen gesellschaftlich noch zu nichts gebracht hat, aber rundum zufrieden und glücklich daherkommt. Er verabschiedet sich mit höflichem Abstand für eine tiefe Verbeugung. Die Handflächen hält er in buddhistischer Manier demütig vor der Brust zusammen und zitiert sein Motto, die Schlusssätze aus dem Film „Der große Diktator“, frei nach Charlie Chaplin: „Männer und Frauen für Schönheit, Liebe, Freiheit – vereinigt euch!“ So ein harmoniebeseelter Mensch ist heute wahrlich eine Rarität. Seine Verbeugung – herzlich erwidert.

Von Frank Ebbecke

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