Der Ausblick für die russische Wirtschaft hat sich leicht aufgehellt, aber …

Die MDZ-Kolumne des Osteuropa-Experten Andreas Schwabe von der Raiffeisen Bank.

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Der Verfasser Andreas Schwabe ist Analyst für Osteuropa mit Schwerpunkt Russland und Ukraine in der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Raiffeisen Bank International in Wien.

Die russische Wirtschaft zeigte im ersten Quartal 2016 Anzeichen einer Erholung oder zumindest einer relativen Stabilisierung. Der Eindruck, dass die Schockwellen aus Ölpreisverfall, Rubelabwertung und westlichen Sanktionen „verdaut“ werden konnten, wird auch von der offiziellen Schätzung des BIP-Wachstums für das erste Quartal 2016 unterstützt. Letzteres weist nur mehr einen Rückgang um 1,2 Prozentpunkte zum Vorjahreszeitraum auf, während im vierten Quartal 2015 noch ein Schrumpfen um 3,8 Prozent zum Vorjahresquartal verzeichnet wurde. Wir schätzen, dass die russische Wirtschaft damit im direkten Quartalsvergleich (Q1 2016 zu Q4 2015) nur mehr stagniert hat und nicht weiter geschrumpft ist. Die Produktionsvolumina im Rohstoffsektor haben bereits Mitte 2015 die Talsohle durchschritten, während das verarbeitende Gewerbe im Schnitt bislang nur eine Stabilisierung aufweist. Die heimische Konsumnachfrage entwickelt sich jedoch weiter schwach. Die Einzelhandelsumsätze gingen auch im ersten Quartal 2016 noch um etwa fünf Prozent im Jahresvergleich zurück. Ein zuletzt etwas stärkeres Lohnwachstum könnte jedoch das Licht am Ende des Tunnels erahnen lassen.

Damit ist 2016 von einem zweiten Rezessionsjahr in Folge auszugehen. Dieses könnte jedoch milder ausfallen als von uns bislang – mit minus zwei Prozent – prognostiziert. Internationale und heimische Finanzanalysten sehen derzeit im Schnitt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung Russlands in diesem Jahr um 1,2 Prozent.

Die jüngste Stabilisierung des Ölpreises und des Rubelkurses zusammen mit dem beobachteten Rückgang der Inflationsrate (auf 7,3 Prozent p.a.) werden es der russischen Zentralbank erlauben, die seit Mitte 2015 ausgesetzten Leitzinssenkungen wiederaufzunehmen. Wir erwarten in der zweiten Jahreshälfte zumindest zwei Zinssenkungen um jeweils 50 Basispunkte, so dass der Leitzins Ende 2016 auf zehn Prozent fallen würde. Das Zentralbankziel von nur mehr fünf Prozent Inflation auf Jahressicht (also im Frühjahr 2017) scheint uns zu ambitioniert  – wobei wir der Zentralbank durchaus Fortschritte in der Inflationsbekämpfung zutrauen, was weiteren Spielraum für Zinssenkungen eröffnet.

Zumindest mittelfristig bereitet das Haushaltsdefizit Kopfzerbrechen. Aufgrund des vergleichsweise niedrigen Ölpreises lag das Defizit 2015 bei 3,6  Prozent des BIP und wird 2016 kaum niedriger ausfallen. Der Reservefonds der Regierung, welcher derzeit die Hauptlast der Haushaltsfinanzierung trägt, könnte bereits 2017 aufgebraucht sein. Die Zusammensetzung der künftigen Finanzierung aus Neuverschuldung, Privatisierungserlösen und weiterer Haushaltskonsolidierung ist derzeit noch nicht ausreichend geklärt. Eine Verschiebung von signifikanten Konsolidierungs- und Sparmaßnahmen bis nach den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2018 erscheint plausibel.

Zusammengefasst hat sich der Ausblick für die russische Wirtschaft zuletzt etwas aufgehellt, wobei strukturelle und fiskalische Schwächen weiter bestehen. Sollten keine neuerlichen externen Schocks eintreten, erwarten wir für das Jahr 2017 die Rückkehr zu einem moderaten Wirtschaftswachstum von ein bis zwei Prozentpunkten, was in etwa dem derzeitigen Wachstumspotenzial Russlands entspricht.

 

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