Meine Datscha, meine Freiheit, mein Glück

Warum Russen ihr Gartenhaus am liebsten zum Sommerlandsitz machen würden

Noch eine Etage, ein Balkon, dann noch einer... Die Datscha wächst mit der Familie ihres Hausherren. / Nikolaj Koroljow

Die Datscha wächst mit der Familie ihres Hausherren. / Nikolaj Koroljow

Die MDZ-Redaktion träumt vom Sommerurlaub, Sie nicht auch? Mit der Transsib an den Baikal und dann ins Altai-Gebirge, oder gleich nach Kamtschatka   –   so richtig „echt russisch“? Aber nein, die meisten Russen verbringen ihren Sommer anders. Keine Türkei-Reise, kein Wellness-Programm im Fünf-Sterne-Spa, kein Gourmet-Dinner im Luxusrestaurant können den Klassiker des russischen Sommers ersetzen: die Datscha, „einge-ostdeutscht“ Datsche. Sie ist mehr als nur Schrebergarten oder Sommerhäuschen, sie ist Kult. Und heute auch noch mit echter Knochenarbeit verbunden: Unkraut jäten, Beeren und Gemüse pflücken, Kartoffeln ernten… Stellen Sie sich so Urlaub vor? Viele Russen und ihre Kinder wachsen so auf – in Moskau, St. Petersburg, Krasnojarsk und Wladiwostok.

Die Datscha im Sommer ist wie der Olivier-Salat zu Silvester: Für alle da.

Europa statt Datscha: Russische Touristen kehren ins Ausland zurück

Ein ganz pragmatischer Beweggrund für Urlaub auf der Datscha liegt im Geldbeutel. Wie die jüngste Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM zu den Urlaubsplänen der Russen 2017 gezeigt hat, will mit 47 Prozent fast die Hälfte der Befragten auf „Balkonien“ Urlaub machen, also auf dem heimischen Balkon. Auf Platz zwei folgt dann schon die Datscha: Ein knappes Drittel plant dort seinen Urlaub. Tendenz langfristig steigend. Mit Abstand der meistgenannte Grund dafür, nicht wegzufahren, ist das fehlende Kleingeld (44 Prozent). Ein Sechstel bekomme außerdem auf der Arbeit keinen Urlaub und weiter folgen allgemeine Bedingungen wie Kleinkinder oder Krankheiten.

Dabei konnten natürlich mehrere Antworten gegeben werden. Zumal Schulkinder in Russland ganze drei Monate – von Anfang Juni bis 1. September   –   Sommerferien haben. In dieser Zeit können und müssen die Eltern oft mehrere Varianten in Erwägung ziehen, damit der Sprössling nicht nur zu Hause vorm Computer hockt. Gerade in diesem Fall ist neben dem Urlaub mit den Eltern und organisierten Ferienlagern die Variante „bei der Oma auf der Datscha“ sehr populär. Wenn die Eltern viel arbeiten, was oft in den Metropolen Moskau und St. Petersburg der Fall ist, dann werden kleinere Vorschulkinder oftmals gar den ganzen Sommer dort „abgegeben“. Die Eltern fahren dann an Wochenenden und freien Tagen „zu Besuch“ zum Kind.

Aber auch Erwachsene oder Rentner, die keine festen Arbeitszeiten an die Stadt binden, wohnen den Sommer über oft in ihrem Garten: Und dann versorgen sie bis zum Herbst die Verwandtschaft, Freundes- und Bekanntenkreis mit frischen Gurken, Erd-, Him- und/oder Stachelbeeren, hausgemachten Marmeladen oder garten-eigenen Äpfeln. Dies ist vor dem Hintergrund der seit Beginn der Wirtschaftskrise 2014 sinkenden Reallöhne noch wichtiger geworden für die Menschen, wie die MDZ im Oktober letzten Jahres bereits berichtete. Ob angeln, Pilze sammeln oder einkochen  –  Selbstversorgertum und die damit verbundene Unabhängigkeit hat einen hohen Stellenwert in der russischen Gesellschaft.

Einem jedem sein kleines Paradies im Grünen: Russische Vorstädte sind eng bebaut mit den kleinen, gemütlichen Holzhüttchen. / Nikolaj Koroljow

Einem jedem sein kleines Paradies im Grünen: Russische Vorstädte sind eng bebaut mit bunten Holzhüttchen. / Nikolaj Koroljow

Auf der anderen Seite aber ist mit der russischen Datscha eine lange Kultur verbunden: Die ersten solcher persönlichen Stadtfluchtpunkte entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als die zunehmende Industrialisierung immer mehr Arbeitskräfte in die Stadt holte, nahmen die ersten Adligen und Kaufleute bald Reißaus. Sie erwarben Landhäuser, sogenannte „Usadba“, in den grünen Vororten, um sich zu erholen. Mit den Reichen kamen Künstler und bald war die Datscha Zentrum zahlreicher Gemälde, Gedichte und Romane   –   von Tschechow bis Dostojewskij.

Aber 100 Jahre später ist die Datscha nicht mehr nur Privileg der Reichen. Im Unterschied zur „Usadba“ ist Datscha ein die sozialen Schichten übergreifendes Wort: ob die vielfach beschriebenen Milliarden-Datschas russischer Regierungspolitiker, imposante Sommerschlösser einstiger Sowjetfunktionäre an der Schwarzmeer-Küste und auf der Krim oder nur ein kleines Hüttchen mit Gemüsegarten ein paar Minuten mit der Elektritschka vor den Toren der Stadt. Und damals wie heute sind junge Leute auf der Jagd nach einer „Datschen-Affäre“, einer Art Urlaubsflirt „russischer Art“.

Die „Datscha“ ist eben für alle da. Und wer selbst keine hat, geht halt zu Freunden oder Verwandten.

Peggy Lohse

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