Comics auf großer Mission

Die einst als „etwas für Kinder” abgetanen Bildergeschichten – ob Manga, Comic oder Graphic Novel – gewinnen ein immer größer und älter werdendes Publikum für sich. In Moskau steht vom 15. bis 21. Mai das Internationale Comic-Festival „KomMissia” vor der Tür. Grund genug, einmal tiefer in die Welt der gezeichneten Romane einzutauchen.

Andrang herrscht immer beim Comic-Festival "KomMissia" / "KomMissia"

Andrang herrscht immer beim Comic-Festival «KomMissia» / «KomMissia»

Können Katzen als Nazis und Mäuse als deren Opfer den Holocaust wiedergeben? Mit seiner Comic-Reihe „Maus“ empörte und revolutionierte Art Spiegelman in den 80er Jahren das Verständnis von Comics in der Welt. Keine Kindergeschichte, keine Superhelden. Sondern Tiere, die Menschen vertreten und zwischen historischen Tatsachen die Hauptrollen spielen – wie in einer Fabel, allerdings in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen verpackt. Der Comic ist autobiografisch gezeichnet. Spiegelmans Eltern überlebten den Holocaust.

Zu dieser Zeit entwickelte sich im sowjetischen Moskau ein neues Verständnis von Jugendliteratur, das über Bücher für Arbeiterkinder hinausgehen sollte. An der Metro-Station Majakowskaja war in den 60ern bereits die erste staatliche Jugendbibliothek entstanden, ihre erste Direktorin Irina Bachmutskaja kam aus dem Kulturministerium. 2006 übernahm Irina Michnowa die Leitung, die Bibliothek zog zum Preobraschenskaja Ploschtschad um. Neben Schule und Zuhause sollte die Bibliothek – nach schwedischem Vorbild geteilt in Freizeit- und Profi-Bereich – zum dritten festen Ort im Alltag der Jugendlichen werden. Über eine Million Einzelstücke lagern hier zur Lektüre für junge Menschen von etwa 14 bis 35 Jahren. In modern ausgestatteten Musik-, Arbeits-, Drucker- und Entspannungsräumen sowie einer kleinen Cafeteria können sich die Nutzer frei bewegen und allerlei Hobbys neben dem Lesen selbst nachgehen.

Zwischen Film- und Romanwelten 

Alexander Kunin und "sein" Comic-Regal in der Russischen Staatlichen Jugendbibliothek in Moskau / Peggy Lohse

Alexander Kunin und «sein» Comic-Regal in der Russischen Staatlichen Jugendbibliothek in Moskau / Peggy Lohse

Ein wichtiger Bestandteil der Jugendbibliothek ist das Comic- Zentrum. In den 90er Jahren schenkte die Französische Botschaft in Moskau der Bibliothek etwa zwei Dutzend klassische Comics wie „Asterix und Obelix“. „Das war der Grundstein unseres Zentrums“, erzählt Alexander Kunin, Leiter des Zentrums für gezeichnete Geschichten der Bibliothek und Direktor des Internationalen Comic-Festivals „KomMissia“. Heute finden in den Comic-Räumen regelmäßige Zeichen-Workshops und Autorentreffen statt, zum Schmökern liegen Hunderte Werke bereit. Und die erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, „weil man natürlich erstmal das Gefühl hat, dass man bei Comics in kürzerer Zeit mehr Infos bekommt, also schneller liest“, sagt Kunin.

Die Kunstform der gezeichneten Geschichten, im Englischen heißt sie auch Graphic Novel, liegt zwischen Film und Roman, „besonders nahe ist sie der Filmserie, darum verstehen wir sie heute so gut“, so Kunin. „Ihre Anziehungskraft liegt darin, dass die Zeit gewahrt wird. Egal ob man vor- oder zurückblättert, oder von wo nach wo man liest, der Zeitbezug bleibt.“ Das Format kann an Romane, Zeitungen oder auch Webblogs erinnern, „wie bei einer Synthese ergänzen sich Worte, Bilder und Schrift.“ Und obwohl die persönliche Note des Autors eine große Rolle spielt, setzt der Leser sich die Geschichte letztlich selbst zusammen. Darum könne auch bei wiederholtem Lesen ein und desselben Buches eine völlig neue Geschichte entstehen.

Alexander Kunin in seinem Element, in "seiner" Bibliothek / Dmitrij Boganow

Alexander Kunin in seinem Element, in «seiner» Bibliothek / Dmitrij Boganow

„Bilderbuch“-Festival mit Bildungsauftrag 

Der Höhepunkt des Moskauer Comic-Jahres ist jeden Mai das Festival „KomMissia“: Im Unterschied zu anderen Veranstaltungen hat sich das Moskauer Comic-Fest einen Bildungsauftrag auf die Fahnen geschrieben. Es wird eben nicht nur präsentiert, gelesen und verkauft, sondern auch referiert, geübt, erklärt und diskutiert. „Ich als Organisator wähle die Comics für das Festival natürlich nicht nur nach ihrem Unterhaltungswert aus, sondern nach ihrer Tiefe und dem pädagogischen Nutzen“, sagt Kunin. „Ich zeige darum natürlich Comics wie ‚Anne Frank‘ und ‚Maus‘ noch eher als US-Superhelden oder Gewalt-Mangas.“ Und da ist er wieder: „Maus“, für den Spiegelman übrigens 1992 den Pulitzer-Preis bekam, der damals zum ersten Mal für einen Comic vergeben wurde.

Die bereits 17. „KomMissia“ bringt nun wieder Comic- Zeichner und -Leser aus aller Welt nach Moskau: aus Armenien, Frankreich, Skandinavien, Spanien, den USA und anderen Ländern. An zehn Veranstaltungsorten finden eine Woche lang Ausstellungen, Lesungen, Workshops, Diskussionen und Büchermessen statt. Erstmalig werden Graffiti- und Satire-Projekte gezeigt, und im Zverev-Center für Zeitgenössische Kunst werden ältere und neue Underground-Comics ausgestellt – ab 18 Jahren, „am Eingang gibt es eine strenge Gesichtskontrolle“, lacht Kunin.

Peggy Lohse

Comic-Anfänger-Tipps / MDZ

 

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