Bestandsaufnahme der Provinz: Neue Studie zu den Lebensverhältnissen in Russland

Was ist den Russen wichtig, was denken sie und wovor haben sie Angst? Mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung haben Soziologen der Russischen Akademie der Wissenschaften in einer Langzeitstudie untersucht, wie sich die Lebensumstände in Hauptstadt und Provinz in den vergangenen 15 Jahren entwickelt haben. Und die Ergebnisse lassen aufhorchen.

Moskau

Einmal nach Moskau gekommen, zieht man selten wieder weg. /Foto: Tino Künzel

Die Wahrnehmung von Russland ist außerordentlich vielfältig. Am stärksten hat sich in den Köpfen weltweit aber die Vorstellung eines Landes festgesetzt, das geprägt ist vom Widerspruch zwischen den europäischen Metropolen Moskau und St. Petersburg und der Provinz, in der sich Städte und Dörfer befinden, die weit entfernt von großen Industrie- und Informationszentren liegen.

Erstere werden dabei als „Stätten der globalen Zivilisation“ gesehen und die Bewohner des Hinterlandes als Träger einer konservativen Kultur, die sich als eine Synthese sowjetischer und vorsowjetischer kultureller Traditionen versteht.

Aber haben diese Annahmen noch Bestand? Um dies herauszufinden, führten Soziologen der Russischen Akademie der Wissenschaften mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Untersuchung durch. Deren Titel lautete „Die Hauptstädte und die Regionen im heutigen Russland. 15  Jahre danach“.

Da die Studie Untersuchungen aus dem Jahr 2003 mit einbezieht, erlaubt sie es, die Entwicklung der russischen Gesellschaft über einen mittleren Zeitraum nachzuvollziehen. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie sich die Lebensverhältnisse in den großen Zentren und auf dem Land darstellen, wie die Russen ihr eigenes Leben gestalten und wahrnehmen, welche Werte in ihrem Leben eine Rolle spielen und wie sie sich politisch orientieren.

Die Ergebnisse der Soziologen waren so nicht erwartet worden. Sie zeigen, dass sich die russische Gesellschaft wandelt und die Schere zwischen Zentrum und Provinz sich zu schließen beginnt.

Wie es sich in Russland lebt   

Das Thema, das die russische Gesellschaft in den letzten Jahren mit Abstand am meisten beschäftigt, ist das Lebensniveau. Viele regionale Unterschiede, die sich in den 1990er Jahren herausgebildet haben, konnten bis heute nicht beseitigt werden. Neu ist hingegen, dass die Metropolen des Landes nicht automatisch mehr Wohlstand versprechen. Den Verfall des Ölpreises und die Wirtschaftskrise haben auch die Menschen in Moskau und St. Petersburg zu spüren bekommen.

Fast drei Viertel aller Russen waren in den letzten Jahren gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen und Strategien zu entwickeln, ihre eigene Lage zu verbessern. In den Städten nehmen die Menschen dafür häufig einen Zweitjob an, während die Menschen auf dem Land bevorzugt auf ihren Garten zurückgreifen. Dieser sichert nicht nur die eigene Nahrungsgrundlage, durch den Verkauf von Obst und Gemüse können sogar noch Zusatzeinnahmen erzielt werden. Allerdings sehen sich die Menschen in den Dörfern seltener dazu veranlasst, als noch vor 15 Jahren.

Ein Zeichen dafür, dass die russische Gesellschaft zusammenwächst, zeigt sich in der Selbsteinschätzung der materiellen Lage. Die meisten Russen meinen, dass diese dennoch zufriedenstellend sei, egal ob in Moskau oder auf dem Dorf. Ein Beispiel ist die als befriedigend empfundene Versorgung mit Wohnraum im ganzen Land und die technische Grundausrüstung der eigenen vier Wände, in der die Provinz stark aufgeholt hat.

Russische Arbeitswelten

Was die Arbeitswelten der Menschen in Russland betrifft, so kann man große Unterschiede zwischen Moskau und St. Petersburg auf der einen und dem Rest des Landes auf der anderen Seite feststellen. Die beiden russischen Metropolen sind faktisch zu Service-Städten geworden, in denen statt physischer Arbeitskraft Computer- und Fremdsprachenkenntnisse gefragt sind. Der Arbeitsplatz gilt hier als sicher und die Aufstiegschancen sind hoch.

Die russische Provinz ist ihrerseits durch einen fragmentierten Arbeitsmarkt mit schlechteren Bedingungen und niedrigen Gehältern gekennzeichnet, vor allem in kleinen und mittleren Städten, in denen noch Fabriken aus Sowjetzeiten existieren. Auch das Risiko, in die Arbeitslosigkeit zu geraten, ist bedeutend höher. Menschen in der Provinz bieten überwiegend ihre Arbeitskraft in praktischen Tätigkeitsbereichen an.

Vor diesem Hintergrund verwundert, dass Bildung in der russischen Provinz, vor allem in den Hauptstädten der Regionen, einen bedeutend höheren Stellenwert genießt als in Moskau (siehe dazu auch die Tabelle zur Ausrichtung der Erziehung von Kindern). Die Menschen investieren bedeutend mehr in die eigene Bildung und die ihrer Kinder. Allerdings schlagen sich diese Anstrengungen selten in höheren Gehältern nieder.

Provinz

Quelle: Die Hauptstädte und die Regionen im heutigen Russland. 15 Jahre danach.

Dass Moskauer sehr wenig in die Bildung ihres Nachwuchses investieren, halten die Autoren der Studie für ein alarmierendes Signal. Sie befürchten, dass die zukünftige Generation einem erhöhten Risiko ausgesetzt ist, ärmer zu werden und unter schlechteren Bedingungen leben und arbeiten zu müssen.

Die Familie hat einen hohen Stellenwert

Auch wenn sich die russische Gesellschaft verändert, bleibt die Familie nach wie vor außerordentlich wichtig. Zwei Drittel der Bevölkerung verbinden Erfolg im Leben mit einer Familie und Kindern. Für diese Menschen ist die Familie also nicht nur eine soziale Norm, sondern eine Art Statussymbol.

Dabei gilt: Je kleiner der Ort, in dem jemand lebt, desto mehr gilt eine Familie als Erfolg. In der Hauptstadt hingegen werden Familie und Kinder zumeist als Frage der eigenen Vorlieben gesehen. So investieren die Moskauer auch immer weniger Mühe in die Familie.

Es ist durchaus interessant, dass die Metropolen des Landes nicht mehr der Ort sind, an dem man sich alle Wünsche, sowohl beruflich, als auch privat, erfüllen kann. Gründe dafür sehen die Soziologen darin, dass sich in den Regionen die soziale und wirtschaftliche Lage verbessert hat, aber auch, dass Moskau und St. Petersburg nicht mehr unbedingt sozialen Aufstieg verheißen.

In den letzten Jahren ist die Provinz für diejenigen, die eine Familie gründen und ihre Kinder gut ausbilden wollen, immer anziehender geworden. Die Vorteile eines Lebens in Moskau werden zunehmend hinterfragt und viele Menschen haben große Angst vor einem negativen Umfeld in der Hauptstadt.   

Wohin es die Russen zieht

Die Autoren der Studie bezeichnen Binnenmigration als einen wirksamen Mechanismus, der einen einheitlichen sozialen Raum und eine Nation erschaffen, aber auch zu weiteren sozialen Spannungen führen kann. Nach Angaben des Russischen Statistikamtes Rossstat ziehen jedes Jahr drei Prozent der Russen innerhalb des Landes um. Auf den ersten Blick scheint diese Ziffer niedrig, doch über das letzte Jahrzehnt betrachtet bedeutet das, dass jeder vierte Russe seinen Wohnort geändert hat.

Ungeachtet der Tatsache, dass Moskau und St. Petersburg die großen Magnete für Menschen aus ganz Russland sind, so zieht es doch lediglich zwischen zehn und fünfzehn Prozent aller Umziehenden in die beiden Metropolen. Dabei zeigen sich die Bewohner der Städte mobiler als die Landbevölkerung und wechseln ihren Wohnort doppelt so oft.

Moskauer ziehen meist freiwillig um

Wenn Moskauer sich dazu entschließen, innerhalb Russlands umzuziehen, tun sie das in der Regel freiwillig und aus privaten Gründen, während der Rest des Landes auf der Suche nach Arbeit in eine neue Stadt zieht. Bemerkenswert ist, dass Moskauer durchaus bereit sind, aus persönlichen Gründen auch in die Provinz zu ziehen.

Zumindest in der Theorie. Denn betrachtet man die Binnenmigration der Russen in den letzten 25 Jahren, so kann man eines deutlich feststellen: Waren die Eltern noch sehr mobil, so bevorzugen ihre Kinder, ungeachtet der Bereitschaft zum Umzug, überwiegend ein „stationäres“ Leben.

Moskau ist für die meisten Menschen der Endpunkt geworden und die Zahl der Alteingesessenen in Russlands Hauptstadt wächst dadurch. Die Autoren der Studie sehen diese Sesshaftwerdung durchaus kritisch. Die zweite Generation fühlt sich bereits als richtige Moskauer und unterhält kaum noch Kontakt zur „Außenwelt“.

Dadurch verstärkt sich der negative Effekt der „Verschließung“, wie die Soziologen darlegen. Ähnliche Prozesse lassen sich auch in anderen Städten beobachten. Schließlich befürchten die Autoren, dass durch die derart verlangsamte Migration das „Zusammennähen“ der russischen Gebiete zu einer einheitlichen Nation verlangsamt wird.

Provinz

Auch die Menschen in der Provinz sind mit ihrem Leben weitgehend zufrieden./ Foto: pixabay

Wenn Moskau keine Insel wäre

„Moskau ist nicht Russland“ – es ist eine „Stadt, die ein gesamtes Land auszehrt“. Oft bekommt man diese Aussage von Russen zu hören, wenn sie ihre Hauptstadt einordnen. Das Verhältnis des Landes zu Moskau war für lange Zeit nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung geprägt.

Dies ändert sich allerdings seit mehreren Jahren. Der Widerspruch mildert sich ab. Russen aus der Provinz betrachten Moskau durchaus aus verschiedenen Perspektiven. Die Hauptstadt erscheint einerseits als das Zentrum, in dem sich Macht und Wohlstand Russlands konzentrieren. Andererseits ist es auch ein Ort, an dem Millionen Menschen zusammenkommen, die alle dieselben Probleme haben, wie die Menschen im Rest des Landes auch.

So finden negative Ansichten, wie Moskau als „korrumpierte Banditenstadt“, immer weniger Zustimmung. Die Menschen im Land spüren, dass die Hauptstadt ihre Probleme teilt, lediglich ein Viertel aller Befragten der Studie meint, dass Moskau ein „gesättigtes“ Leben führt und es allen Menschen hier gut geht. Generell ist also die Ansicht, dass Moskau nicht Russland sei, rückläufig.

Moskau bleibt ein wichtiges Symbol

Erhalten bleibt in den Köpfen der Russen aber die Ansicht, dass Moskau ein wichtiges Symbol der nationalen Kultur ist. Dabei ist die Wahrnehmung in verschiedenen Generationen durchaus unterschiedlich. Junge Menschen betrachten Moskau als Stadt des Erfolgs, die viele Möglichkeiten bietet. Rentner hingegen betonen in erster Linie den kulturellen Wert der Hauptstadt. Grundsätzlich wird die Rezeption aber positiver.

Gleichzeitig ändert sich auch die Wahrnehmung der Provinz. Und das überall im Land. Viele Menschen sehen die Provinz positiv und assoziieren sie mit warmen, menschlichen Beziehungen, einem normalen Lebensrhythmus und dem „wahren Russland“.

Dies führt auch zu dem Glauben, dass das Leben dort nicht ganz so schlimm ist, auch für Menschen, die gewisse Ansprüche haben. Diese Annäherung in der gegenseitigen Wahrnehmung führt letzten Endes dazu, dass eine neue Diskussion aufkommt, was denn das „wahre Russland“ sei.

Wahrnehmung von Russland und der Welt

Bemerkenswert sind die unterschiedlichen Bewertungen der Russen der Situation in ihrem Land und der Welt sowie ihre Weltanschauung im Allgemeinen (siehe auch Tabelle zu den größten sozialen Widersprüchen im Land). Eine kleine Mehrheit der Russen, besonders in den beiden Metropolen, spricht sich mehr für Stabilität als Veränderungen aus.

Provinz

Quelle: Die Hauptstädte und die Regionen im heutigen Russland. 15 Jahre danach.

Vor allem Moskau, das noch vor ein paar Jahren das Epizentrum des Protestes war und Veränderungen verlangte, unterstützt nun mehr als jede andere Region den Kurs der Regierung zur Stärkung der Stabilität. Die Moskauer legen zudem mehr als ihre Landsleute Wert auf religiöse Werte.

Sie sind in ihrer Mehrheit Befürworter eines starken Staates und bedeutend weniger als Einwohner anderer Regionen dazu geneigt, oppositionelle Forderungen anzunehmen. Viele Menschen meinen, dass es schwer sei, in Moskau seine politschen Ansichten gegenüber der Mehrheit zu äußern.

Von einer Gegenüberstellung des  „hauptstädtischen Liberalen“ und dem „provinziellen Staatsanhänger“ konnte im Jahr 2017 demnach nicht mehr die Rede sein. Allerdings zeigen die Moskauer dahingehend liberale Werte, dass sie weniger als der Rest das Landes das Gefühl haben, von Feinden umgeben zu sein, und Ausländern weitaus positiver  gegenüberstehen, vor allem Deutschen.

Schlussfolgerungen

Die Autoren der Langzeitstudie „Die Hauptstädte und die Regionen im heutigen Russland. 15 Jahre danach“ haben es geschafft, ein sehr umfassendes Bild der russischen Gesellschaft zu zeichnen, und warten dabei mit einigen unerwarteten Erkenntnissen auf.

Die Studie zeigt, dass die russische Gesellschaft sehr viel komplexer und ausdifferenzierter ist, als landläufig angenommen wird. Die Bruchlinien verlaufen nur bedingt zwischen Moskau und St. Petersburg und der Provinz, sondern eher zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten.

Im Großen und Ganzen, so die Autoren der Studie, sind die Russen mit ihrem Leben eher zufrieden als unzufrieden. In fast allen Lebensbereichen und Regionen des Landes bewerten die Menschen ihre Situation als positiv. Das Lebensniveau in den Metropolen und den Städten der Provinz wird von den Russen nicht als so unterschiedlich wahrgenommen, wie man vermuten könnte. Von einer Spaltung des Landes kann demnach nicht die Rede sein. Die Menschen in Moskau und dem Hinterland nähern sich im Gegenteil mental immer mehr einander an.

Daniel Säwert

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