Arme Schauspieler: Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Schauspieler leben in Saus und Braus, heißt es landläufig. Doch die Realität sieht anders aus. In Russland erhalten Filmstars eine dürftige Rente. Die Stiftung Artist hilft dort, wo der Staat versagt.

Auf die Plätze, fertig, los: Schauspieler radelten bei einer Theater-Rallye für den guten Zweck. /Foto: Petrow/Stiftung “Artist”

Kostenloses Eis, orangefarbene Luftballons, laute Musik und ein Meer von Fahrrädern. Das gab es im Park „Ermitage“ am Tag der Stadt Moskau zu sehen, als die Stiftung Artist zu einer Radfahrt lud. Der Clou: Bei der Aktion machten fast alle Theater- und Kinoberühmtheiten Russlands mit. Sie schwangen sich auf den Sattel und drehten eine Runde auf dem Boulevardring. „Es kommt nicht auf die Schnelligkeit und die Strecke an, die die Schauspieler zurücklegen, sondern darauf, warum sie es machen“, sagte bei der Begrüßung Alexander Kibowskij, Leiter der Kulturabteilung der Stadtverwaltung Moskau. Gestrampelt haben sie für einen guten Zweck: Der Erlös der Theater-Rallye ging an Veteranen der Szene.

„Vielen Schauspielern im Ruhestand reicht die Rente zum Leben nicht aus. Deshalb haben wir die Stiftung Artist ins Leben gerufen, um diesen Missstand zu beseitigen“, sagt die Schauspielerin und Mitbegründerin der Stiftung Marija Mironowa. Rund 3000 Kulturschaffende seien in Moskau in der Kartei verzeichnet, die von der Stiftung Hilfe erhalten. „Das alles sind Menschen, die über 70 sind, viele von ihnen sind schwer krank oder bettlägerig.“

Große Erfolge, kleine Rente

Die Theater-Rallye fand bereits zum zweiten Mal statt. Solch eine Aktion ermögliche es, Gelder für medizinische Behandlungen zu sammeln, sagt Mironowa. „Allein der Gang zur Apotheke kann im Grippefall rund 3000 Rubel (ca. 44 Euro) kosten. Man bittet uns hauptsächlich darum, teure Medikamente, den Krankenhausaufenthalt oder die Operation zu bezahlen. Manche Medikamente werden nur nach Quote vergeben. Aber für unsere alten Schützlinge, die häufig ihre Häuser nicht verlassen können, ist es fast unmöglich, an sie heranzukommen“, klagt die Schauspielerin.

Die durchschnittliche Rente eines Schauspielers in Russland beträgt zwischen 8000 und 15 000 Rubel (rund 120 – 220 Euro). Tatsächlich ist sie, wie beim Rest der Bevölkerung, der in diesem Jahr 13 700 Rubel erhielt, verschwindend gering. Selbst Schauspieler, die in preisgekrönten sowjetischen Filmen mitgespielt haben, trifft ein ähnliches Schicksal. Im Interview mit der russischen Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ zeigte sich Tatjana Dogilewa entrüstet, dass die Regierung ihre schauspielerische Arbeit mit nur 14 000 Rubel bewertet hatte: „Ich beschwere mich nicht, aber meine Filme hatten große Erfolge. Sie brachten viel Geld in die Staatskassen ein. Es lagen viele Postkarten mit meinem Portrait aus, die eine Millionenauflage hatten. Aus dem Verkauf dieser Postkarten wurde sogar ein Kino auf der Krasnaja Presna gebaut. Wir Schauspieler haben aber keinen Cent gesehen, nur Prestige und Ruhm. Auch ich habe meinen Teil in die Staatskasse eingezahlt. Warum sehen wir davon nur so wenig?“

In Deutschland sieht die Situation ähnlich traurig aus. Laut Bundesverband Schauspiel lebt die Mehrheit der Schauspieler am Existenzminimum. Grundsätzlich werden sie nach Drehtagen bezahlt. Weil Schauspieler kurzfristig beschäftigt sind, kommen die meisten auf zu wenige Drehtage, um überhaupt Anspruch auf Arbeitslosengeld I zu haben. Bei der Rente sieht es ebenfalls kritisch aus. Ruhm schützt nicht vor Armut.

Rallye, Lotterie und Konzert

Doch nicht nur die Altersarmut der Schauspieler stand im Fokus der Theater-Rallye. Auch die umfangreiche Straßenrekonstruktion, wofür die Stadtverwaltung nicht das erste Jahr viel Geld ausgab. Auf dem Rad ist auch der Moskauer Verkehrsminister Maxim Liksutow vorbei­gekommen. Gerade ihm ist es zu verdanken, dass vor rund fünf Jahren die ersten Fahrradstraßen in der Hauptstadt aufgetaucht sind.

Nach einer Dehnübung mit einem Trainer und unter der Begleitung von Orchesterklängen reihten sich die Teilnehmer der Rallye auf. Jeder suchte sich ein Fahrrad aus. Selbst Schauspieler, die nicht Fahrradfahren konnten, ließen sich nicht aufhalten. Die Schauspielerin Irina Apeksimowa legte die Distanz auf einem Dreirad zurück. Nach der Rallye gab es eine Wohltätigkeitslotterie und ein Konzert. Im nächsten Jahr hofft die Stiftung, den Besucherrekord zu knacken, um noch mehr armen Schauspiel-Veteranen helfen zu können.

Anastassija Rusawskaja

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