Alte Wohnung: Ein Rückblick auf 100 Jahre russische Wohngeschichte

Wie haben die Moskauer vor 100 Jahren gelebt? Wo haben sie ihre Möbel gekauft und wie ihren Alltag eingerichtet? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ausstellung „Alte Wohnung“ im Museum der Stadt Moskau.

kwartira

Die Küche einer sowjetischen Gemeinschaftswohnung/ Foto: Ljubawa Winokurowa

Ein langer Flur mit vielen Zimmern, jedes davon ein Portal in die Vergangenheit. So sieht die Ausstellung „Alte Wohnung“ (Staraja kwartira) im Museum der Stadt Moskau aus. Leicht kann man sich hier verlaufen und durch die Jahrzehnte springen. Die Einrichtungen richteten sich nicht nur nach der aktuellen Mode, sondern auch nach den stets wechselnden politischen Situationen.

Zu Anfang des Jahrhunderts waren die Wohnungen reicher Moskauer mit massiven Möbeln aus Edelhölzern „geschmückt“. Neben den Zimmern zum Wohnen gab es auch welche für Kleidung und Haushaltsgegenstände. Arbeiter lebten in einfachen kleinen Zimmern, in denen die Truhe gleichzeitig Schrank und Bett war.   

In den 1920er Jahren wurde das Großbürgertum an den Rand gedrängt und in ihre Wohnungen zogen neue Menschen ein. So entstanden Gemeinschaftswohnungen, die „Kommunalkas“, die auf ihre Weise zum Symbol des Sozialismus wurden. Der Besucher kann sich leicht in die Atmosphäre dieser Gemeinschaftswohnungen hineinversetzen.

Alles wurde geteilt, die Küche, das Bad und die Klingel. Niemand schämte sich dafür, seine Wäsche offen vor den Augen aller zu trocknen. Und wenn man sich mit den Nachbarn nicht gut verstand, versuchte man, seine Lebensmittel in seinem Zimmer zu verstecken. Sie könnten ansonsten gestohlen oder mit Abführmittel versetzt werden. Die Kuratorin der Ausstellung, Irina Karpatschjowa, erzählt, dass einige Moskauer, ungeachtet des schweren Lebens der Gemeinschaftswohnung immer noch nachtrauern.

„Den Einträgen im Gästebuch nach zu schließen wollen viele junge Menschen in einer Gemeinschaft leben. Das interessiert sie. Die Mode orientiert sich momentan an der Vergangenheit. Die Menschen kaufen auf Flohmärkten Gegenstände dieser Zeit, ziehen die Kleidung ihrer Eltern und Großeltern an, sind auf der Suche nach altem Schmuck. Und einige Menschen, die in Gemeinschaftswohnungen gewohnt und sich gut verstanden haben, trauern der Gemeinschaft nach. Es gab immer jemanden, der auf das Kind aufpassen konnte“, so Karpatschjowa.

In den 1950er Jahren wurden am Stadtrand die sogenannten „Chruschtschowkas“ errichtet und die Moskauer wurden in die kleinen und beengten Wohnungen umgesiedelt. Ikea gab es damals noch nicht und die Möbel wurden selbst per Hand gefertigt. Auf einen Kleiderschrank aus Rumänien oder Bücherregale konnte man viele Jahre warten. Aber essen und schlafen musste man ja in der Zwischenzeit auch.

Eines der wichtigsten Exponate der Ausstellung ist ein Klavier, das einst der sowjetischen Sängerin Klawdija Schulschenko gehörte. Nachdem sie in der Fabrik „Rote Näherin“ auftrat, wurde ihr im Namen der Arbeiterinnen dieses Klavier geschenkt. Schulschenko wusste aber, dass das Geld dafür von den Frauen eingetrieben wurde und erstatte es ihnen von ihrem Honorar. Das Klavier selbst verschenkte sie an den Saxofonisten Iwan Rudnjew weiter. Dessen Familie vermachte es vor Kurzem dem Museum.

Die Ausstellung „Alte Wohnung“ verändert den Blick auf die Dinge. Sie zeigt, dass viele der Dinge, an die sich meine Großmutter aus ihrer Kindheit erinnert, kein Kram, sondern Ausstellungsstücke sind.

Ljubawa Winokurowa

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